Mac OS X ist ein Betriebssystem für Träumer und Ästheten.
Linux ist ein Betriebssystem für Rationalisten.
Und Windows ist für Otto Normalverbraucher (= Rest).
So, oder so ähnlich stelle ich mir die aktuelle Rollenverteilung der Betriebssysteme vor. Und da Windows auch gern “hübsch” wäre, wird nun versucht, die Oberfläche von Windows per Aero und anderen Spielereien für Vista zu einem Mac OS X Klon umzuarbeiten. Das Design und Look and Feel der Betriebssysteme wird immer wichtiger und die Funktionalität steht dabei meist etwas im Hintergrund.
Der Ruf, dass Linux nur was für Programmierer oder Experten wäre, hat sich zum Glück in den letzten Jahren, Suse und Ubuntu sei Dank, etwas abgeschwächt. Nichtsdestotrotz muss man, wenn man als Betriebssystem für die breite Masse attraktiv sein will, neue grafische Features in “Linux”, sprich in den X-Server und in den Fenster-Manager, integrieren, um auch zukünftig mit Mac OS X und Vista mithalten zu können.
Und hier kommt Xgl ins Spiel:
Xgl ist… ach, Wikipedia weiss es eh besser als ich:
Xgl ist eine Implementierung des X-Window-Systems, die durch OpenGL hardwarebeschleunigt ist. Sie befindet sich gegenwärtig in der Frühphase ihrer Entwicklung.
Die Entwicklung der Xgl-Architektur wurde Ende 2004 durch den Novell-Mitarbeiter David Reveman bekannt gegeben. Der Quellcode wurde am 2. Januar 2006 geöffnet und in das freedesktop.org-Projekt einbezogen. Im Zuge dessen wurde die Programmstruktur stark umgestellt, um die Aufnahme zusätzlicher Grafiktreiber zu erleichtern.
Xgl soll auf dem Linux-Desktop zusätzliche Effekte wie Transparenz, Schattierungen oder Animationen ermöglichen, welche die 3D-Funktionen moderner Grafikkarten ohne zusätzliche Belastung des Prozessors ausnutzen. Gegenwärtig verfügen die meisten PCs über entsprechende Karten, jedoch bieten viele Hersteller keine Open-Source-Treiber für die unterstützten Plattformen an.
Soviel zur Theorie.
Das Ganze Projekt wird bereits seit Ende 2004 eintwickelt und seit Januar kann jeder Xgl ausprobieren. Vor einigen Tagen ist eine LiveCD mit Xgl erschienen (bitte hier klicken), sodass auch ein Linux-Noob (->ich<-) das Ganze problemlos ausprobieren kann. Momentan sollte man von Xgl noch die Finger lassen, falls man sich nicht ganz sicher ist, was man tut.
Also, LiveCD eingelegt, PC neugestartet, Linux gebootet und… zack, Xgl geht nicht. Prima. Wieso? Zu neue ATI Grafikkarte (X1600Pro). Wird nicht vom Treiber unterstützt. Toll. Unterstüzt werden die meisten nVidia Karten und alte ATi Karten. Also… An den PC meiner Eltern, die eine Radeon 7500LE haben. Unerklärlicherweise funktionierte die LiveCD auch hier nicht. PC ausschalten, die erst seit einer Woche ausrangierte FX5200 aus der Kiste rauskramen (das die so schnell wieder zu Ehre kommen würde, hatte sie selber nicht erwartet), einbauen, PC starten, Linux von CD booten und… zack, Gnome Oberfläche!!! Schon kann das Abenteuer losgehen. Hier einige “Features” im Überblick:
- Mit Alt-Tab kann man zwischen laufenden Programmen hin und her wechseln. Das kennt jeder. Doch hier gibt es kleine, live-aktualisierte Vorschaubilder.
- F12 liefert eine interessante Übersicht über alle geöffneten Fenster (alle offenen Fenster werden so verkleinert, dass man sie alle auf einmal sehen kann). Leider habe ich davon keinen Screenshot gemacht!
- Die meisten wissen, dass man bei KDE & Gnome mehrere Desktops benutzen kann (also 4 Oberflächen gleichzeitig). Dies wird hier wieder aufgegriffen, jedoch 3D! Wenn man z.B. ein Programmfenster an den rechten Bildschirmrand schiebt, und dann zum nächsten (jeweils rechten) Desktop wechselt, kann man das Programmfenster hier hineinziehen. Außerdem kann man die 4 Desktopoberflächen als Quader betrachten (siehe Screenshots!).
- Das Geniale daran ist, dass z.B. ein Video in einem Programm das auf der “Kante” zwischen 2 Oberflächen liegt, im 3D Modus normal weiterläuft!!! Das Video stockt nicht, garnichts, es läuft flüssig weiter! Unglaublich! Auf diese Weise kann jedes Programm zwischen 2 Desktops platziert werden (siehe Screenshot mit Firefox und diesem Blog hier)!!!
- Transparenz kann ganz einfach per Maus eingestellt werden.
- Allerlei Spielereien: Wenn ein Fenster bewegt wird, “schwingt” es nach; Fenster “ploppen” auf.
Insgesamt war ich einfach nur beeindruckt. Die Geschwindigkeit war einfach nur grandios. Keine Ruckler, kein “Stottern”, im Gegenteil: Ich fand das System von CD schneller als Gnome in Ubuntu 5.10. Genial und genial schnell.
Natürlich wird der ein oder andere diese Neuerung für sinnlos halten. Doch ich fand Xgl einfach nur interessant und hübsch! Die Puristen müssen es ja nicht benutzen, für alle anderen bietet es nette Ideen, lustige Spielereien und sinnvolle Erweiterungen. Gerade der “Würfel” hat es mir angetan.
Alle, die es ausprobieren wollen, sie die LiveCD empfohlen, zumal eine echte Installation momentan noch recht risikoreich ist.
Alex
Links:
Screenshots:



Update: Golem hat ein interessantes Interview zum Thema mit Nat Friedman von Novell veröffentlicht: http://golem.de/0603/44074.html