Die Live Earth-Tragödie

14.July 2007

Letzten Samstag fanden unter dem gemeinsamen Motto “Live Earth – The Concerts For A Climate In Crisis” an zehn verschiedenen Orten weltweit Konzerte gegen den Klimawandel und für mehr ökologisches Engagement statt.

Die Idee Al Gores, den Klimawandel durch die Konzerte in das öffentliche Interesse zu rücken, ist grundsätzlich zu begrüßen. Jede große Revolution beginnt in einem Kopf und verbreitet sich von dort aus in der Gesellschaft. Die Umsetzung dieses Vorhabens scheint für mich jedoch äußerst zweifelhaft. Je mehr ich über die Veranstaltung nachdenke, desto mehr muss ich daran zweifeln, dass die gesteckten Ziele erreicht wurden.

Zum Einen ist es vielen Besuchern der Veranstaltung sicherlich gänzlich egal, welches Ziel verfolgt wird, solange man kostenlos Bands ansehen kann und die Stimmung “geil” ist.
Und selbst wenn das Bewusstsein der Problematik vorhanden ist: Letztendlich läuft es doch meistens auf die “Klimawandel ist scheiße” Aussage raus. Doch so etwas sagt sich leicht. Zu leicht. Zweifelsohne kann man auch auf die “CO2-Sünder” USA und VR China verweisen. Und natürlich ist es richtig, dass jedes Land seinen Beitrag zur Senkung klimaschädlicher Emissionen beitragen muss.
Das Wort Jeder macht aber unmissverständlich klar, dass es eben nicht nur um den CO2-Ausstoß bestimmter Länder wie den USA und deren Bewohner gehen darf, sondern dass es das Engagement jedes einzelnen Menschen, auch jedes Deutschen braucht. Es nützt nichts, anderen Nationen den schwarzen Peter in die Schuhe zu schieben, zumal viele Produkte auf dem deutschen Markt billig und besonders klimaschädlich in China produziert werden – damit wir billig einkaufen können.
Der erste Schritt zu einem geringeren CO2-Ausstoß ist eine Bewusstmachung und Veränderung unseres Verhältnisses zur Natur: Wir sind Teil der Biosphäre und somit auf eine intakte Umwelt (der Begriff an sich ist unglücklich gewählt, leben wir doch in diesem Gebilde, der Begriff Umwelt vermittelt aber ein Gefühl von Separation) angewiesen. Wir müssen von der Vorstellung abkommen, dass der Mensch eine Sonderstellung innerhalb dieses Systems einnimmt, hin zu einem respektvollen Umgang mit unserer Umwelt und einem verantwortungsbewussten, dem menschlichen Geist würdigen, Handeln. Klimawandel “scheiße finden” kann jeder, auch ein Pop-Sternchen oder die Musikindustrie. Einen eigenen Beitrag zur Verhinderung bzw. Verringerung des Klimawandels leisten und eine veränderte Wahrnehmung unserer ökologischen Verantwortung schaffen erfordert mehr Mut. Und mehr Taten.

Zum Anderen muss man sich fragen, wie ernst es die Betreiber mit der Botschaft von Live Earth wirklich meinen, wenn Unternehmen wie Mercedes (bzw. Smart), Ebay, Chevrolet, PepsiCo, Philips und MSN (respektive Microsoft) die Veranstaltung finanzieren (dürfen). Klar verbraucht ein Smart wesentlich weniger Treibstoff als ein SUV-Fahrzeug. Die Frage ist aber eher, ob man nicht häufig gänzlich auf das Auto verzichten könnte. Die Wahl zwischen SUV und Kleinwagen ist letztendlich doch nicht mehr als die Wahl zwischen Pest und Cholera.
Außerdem bietet ein solches Festival den teilnehmenden Unternehmen eine erstklassige Möglichkeit, das eigene Öko-Image kostengünstig aufzubessern ohne die eigentliche Produktpalette umweltfreundlich zu gestalten. Hier versucht man schamlos, jahrelange Versäumnisse auszugleichen. Wer wirklich umweltfreundlich produziert, braucht sein Image nicht über ein Festival zurechtbiegen.

Und dass sich solche Festivals für die Unternehmen, gerade auch für die Musikindustrie lohnen, hat sich spätestens nach Live8 vor zwei Jahren gezeigt: Die Plattenverkäufe der teilnehmenden Künstler vervielfachten sich innerhalb Tagesfrist. Eine karitative Veranstaltung dieser Größenordnung kann sich also auch finanziell durchaus lohnen.
Wieso keine Initiative dafür, dass man einen Tag auf Musik aus Lautsprechern verzichtet und auf eigene Instrumente und Straßenmusiker in der näheren Umgebung zurückgreift? Leider lässt sich damit nichts verdienen. Der Umwelt wäre damit jedoch mehr geholfen.

Hat es Live Earth tatsächlich geschafft, seine Botschaft im kollektiven Bewusstsein der Gesellschaft zu verankern? Oder sind die Menschen nicht viel mehr gekommen, um Madonna, Pussycat Dolls und Xzibit zu sehen, welche von der Problematik des Klimawandels vermutlich so viel verstehen, wie Mariah Carey von Entwicklungspolitik (“I feel so bad for all those starving African children. I mean, I’d love to be that skinny and all, but not with all of those flies and diseases.”. Sie hat seinerzeit übrigens am Live8 Konzert für mehr Entwicklungshilfe teilgenommen)?

Zurückbleiben nur die Erinnerungen an ein tolles Festival mit kollektiver Ekstase, das Gefühl, Gutes getan zu haben, Tonnen von Abfall und schätzungsweise 110000 Tonnen zusätzliches CO2. Ob diese durch das angestoßene Umdenken schnell kompensiert werden können, ist fraglich. Eine paradoxe Tragödie.

bisher 1 Kommentar Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Sibille  |  19.July 2007 at 18:14

    Grundsätzlich ist es zu begrüßen, den Klimawandel durch ein Konzert in den Blickpunkt des Interesses zu rücken.

    Damit alle mitmachen ist erst einmal eine geeignete Stimmung in der Bevölkerung nötig.

    Dann ist plötzlich auche george W Bush zu zugeständnissen beim G 8 Gipfel bereit.

    Eine kleine Lobby im Vergleich zur Lobby der Autoindustrie ist immer noch besser als keine.

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